Trend: Gefängnis-Image wird Kult
Von Inga Wermuth
Das Gefängnis-Thema im Bereich Mode und Medien avanciert zum Nischen-Trend. Der Reiz des Verruchten kommt scheinbar der zunehmenden Suche nach Individualität, Echtheit und Authentizität in der Gesellschaft entgegen.
Immer häufiger setzen einschlägige Haftanstalten auf die Produktion von Waren in eigenen Werkstätten. In Zusammenarbeit mit der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel entwickelte z.B. die Werbeagentur Herr Ledesi die Idee, Trend-Kleidung und Accessoires in Gefängnis-Optik von "schweren Jungs" in den Haftanstalt-Werkstätten herstellen zu lassen und unter eigenem Label zu vermarkten. Die Produktlinie Häftling Jailwear ist so die erste deutsche Marke, für die Insassen der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel selbst produzierten und deren Look und Aufmachung die Thematik auch gleichzeitig inhaltlich aufgriff.
Das amerikanische Pendant ist seit 1989 unter dem Jeansmarken-Label Prison Blues erhätlich. Die Idee verkaufte sich so gut, dass innerhalb kürzester Zeit und dank großem Medienecho die Marke zum Fetisch der Trendsetter avancierte und die Haftanstalt mit der Produktion nicht mehr nachkommen konnte. Heute werden Produkte der Marke in den USA, Japan und Europa mit großem Erfolg vertrieben. Eine ähnliche Strategie verfolgt auch die neue Marke Santa Fu, umgangssprachlich nach der Hamburger "Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel" benannt. Original "made in prison, designed in prison und used in prison" sorgt das Public Private Partnership-Projekt mit T-Shirt-Aufdrucken wie "schuldig" oder "unschuldig" für ein positives Image und hilft Strafgefangenen bei einer erfolgreichen Resozialisierung. Für Motivation und neues Selbstbewusstsein bei den Inhaftierten der Vechtaer Justizvollzugsanstalt für Frauen sorgt auch die Marke Canvasco. Die pfiffigen Taschen kommen nicht nur bei Käufern gut an, auch die inhaftierten Produzentinnen der modischen Taschen können sich für die eigenen Produkte begeistern.
"Wenn Sie einmal drin sind, kommen Sie nur schwer allein wieder raus." Mit dieser Warnung empfängt das Möbelhaus K.N.A.S.T. seine Kunden auf der eigenen Website und erkannte schon in 1998 das Potenzial des skurrilen Gefängnis-Konzeptes. Schon der Name fällt auf, Mitarbeiter in Gefängniskleidung erregen Aufsehen. Der effektvolle Haftanstalt-Look steht hier inzwischen zwar nicht mehr im Vordergrund, wird aber immer häufiger von anderen Marken für ihr Marketing entdeckt.
Auch Unternehmen aus Hotellerie und Gastronomie nutzen bereits den Charme des Verruchten. Um Gefängnisatmosphäre ganz pur zu erleben, können sich Freunde extravaganter Ferienunterkünfte auf Wunsch im ersten "Jailhotel" der Schweiz auf bestimmte Zeit "einbuchten" lassen. 60 Original-Zellen wurden hier zu Ein- bis Vierbett-Zimmern ausgebaut. Bis 1998 wurde das Gebäude im Zentrum der Altstadt noch in seiner ursprünglichen Funktion genutzt. Im Jahr 1997 saßen hier insgesamt 40 Insassen ein, darunter zwei Mörder. Der Gast bekommt im Jailhotel Löwengraben im Gegensatz zu den ehemaligen Straftätern jedoch seinen eigenen Schlüssel.
Ein Hotel mit ähnlicher Geschichte findet sich auch in Dänemark. Das Den Gamle Arrest bietet ebenfalls Strafräume in einer ehemaligen Haftanstalt zum Verweilen an. Die Mauern im Gefängnishof sind zudem authentisch mit eingravierten Namen, Adressen, Jahreszahlen und der Anzahl der noch zu verbüßenden Straftage erhalten. Das Hotel Alcatraz, die ehemalige Kaiserslauterner Justizvollzugsanstalt, wird gerade eröffnet und bietet ein Pendant in Deutschland. Hier können Interessierte übernachten, auch ohne straffällig zu werden. Und wer für seine Einrichtung zu Hause den Gefängnislook adaptieren möchte, kann seine Mahlzeiten künftig von einer originalgetreuen Esstablett-Replik aus der Kantine des Sing Sing Gefängnis, New York, einnehmen.
Mit der bekannten GEZ-Kampagne, die auf humorvolle Weise "Heinz G, GEZ Nichtzahler" in einem Werbespot als Inhaftierten zeigt oder auch der Kampagne gegen illegale Raubkopien, in der Mutter und Kinder dem Papa vorm Gefängnisfenster ein Geburtstagsständchen bringen, tritt das Thema Gefängnisstrafe immer wieder an den Verbraucher heran. Unter dem Motto "Privat kopieren ist kein Verbrechen" haben Verbraucherschützer daher das weltweit erste Internet-Gefängnis eröffnet und wollen so gegen eine Kriminalisierung der Computer-Nutzer durch das neue Urheberrecht protestieren. Die Einweisung in das Internet-Gefängnis erfolgt dabei per symbolischer Selbstanzeige: Wer wissen möchte, wie es sich im Gefängnis anfühlen mag, kann hier eine virtuelle Einzelzelle beziehen.
Prison Break wiederum ist eine erfolgreiche US-amerikanische TV-Serie, die einen spektakulären Gefängnisausbruch thematisiert. Die Serie wurde erstmals am 29. August 2005 vom US-Fernsehsender FOX ausgestrahlt. Aufgrund der hohen Einschaltquote erhöhte FOX die Anzahl der georderten Episoden zunächst von 13 auf 22. Die zweite Staffel läuft nun seit dem 21. August 2006 und erobert parallel bereits die Schweiz. Der Reiz des Verruchten kommt der zunehmenden Suche nach Individualität, Echtheit und Authentizität in der Gesellschaft entgegen, nicht erst seit RTL in 1997 die Kult-Serie Hinter Gittern startete und für hohe Einschaltquoten sorgte. Einerseits spielt hier die Lust am Verbotenen und vermeintlich "Schlechten im Menschen" eine Rolle, aber es mündet auch in die Suche nach uns selbst.
In dem Maße, in dem uns die Medien heute fühlbar manipulieren und korrumpieren, suchen wir vermehrt nach Menschen und Produkten, die uns das Gefühl geben, sie seien echt und einfach sie selbst. Ein Gefängnis erscheint hier als authentischer Ort, an dem nichts beschönigt wird. Die Kleidung der Häftlinge muss keinen ästhetischen Aspekten gerecht werden, sondern funktional, schlicht und einfach sein. Nur die Grundbedürfnisse der Insassen werden befriedigt, Luxus ist nicht verfügbar. Konsum und Materialismus spielen dort, wo man nichts kaufen kann, keine Rolle mehr. Und das wirkt auf uns heute seltsam "attraktiv". Gefangene haben zwangsläufig Distanz zu den täglichen Zwängen und Verlockungen. In unserer konsumoriertierten Gesellschaft, in der der Einzelne sich über seinen materiellen Besitz und gesellschaftlichen Status definiert, sich die Bindungen in den Familien auflösen und Freundschaften auf ihren Wert im Netzwerk überprüft werden, beginnt eine neue Suche nach dem Ursprung und den inneren Grundwerten. Die Gefängnis-Ästhetik kommt dem Wunsch nach einer Reduktion auf das Wesentliche, der Suche nach Einfachheit und Ursprünglichkeit entgegen.
Bild: Santa Fu
 |
Inga Wermuth ist Gründerin und geschäftsführende Gesellschafterin von Slogans.de, Sprach- und Trendforscherin sowie Inhaberin von Satelliten Media Design in Hamburg.
|
© Slogans.de 17.01.2007 Alle Rechte vorbehalten |