Schwarm-Intelligenz: Die Macht der smarten Mehrheit

Bereits zum 10. Mal veranstaltete Trendbüro Hamburg am 2. Juni 2005 den Deutschen Trendtag, das internationale Top-Event der Trendforscher, Soziologen und Marketingexperten. Auch in diesem Jahr trafen sich im Hamburger Curiohaus wieder ausgewählte Spezialisten, um die aktuellen Trends in Wirtschaft und Gesellschaft aufzuzeigen.

"Die Zukunft ist die Vereinfachung der Informationen - Information wants to be free". Dr. David Bosshart vom Züricher Gottlieb Duttweiler Institut ist der bedeutendste Schweizer Trend- und Handelsforscher. In seinem Vortrag erläuterte er die Schwarm-Intelligenz, die Individuen ohne Führungsperson bei ausschließlich direkter Kommunikation untereinander auszeichnet. Hierdurch ergibt sich zwischen den einzelnen Mitgliedern eine immer größere Interdependenz: "Wir werden immer abhängiger voneinander, ich bin nur so erfolgreich, wie ich meine Abhängigkeiten im Griff habe".

Durch die vermehrt dezentrale Steuerung vieler Bereiche des Lebens steigt das Risiko des Einzelnen drastisch an. "Die Regierung gehört den besseren Netzwerken": Kleinere Unternehmen haben heute mehr Chancen, sie sind schneller und flexibler in einer unkalkulierbar gewordenen Zeit. Informationen werden immer schneller erhältlich, und die Menschen sehnen sich nach Ehrlichkeit und Transparenz, auch von großen Unternehmen. Ratings und Rankings durchdringen unser Leben in Echtzeit: Da wir immer mehr unsere Positionierung und Beziehung zu Gegenwart und Vergangenheit verlieren, brauchen wir immer mehr neue Bewertungshilfen. Dies erklärt den aktuellen Boom von TV-Formaten wie "Sex and the City" oder "Desperate Housewives", die uns die einfachsten Dinge des Lebens wieder aufzeigen und helfen uns neu zu definieren. Den Job der Zukunft sieht Bosshart im "Emotions Worker", der Spezialisierung auf kreative Beratungstätigkeit. "Jede weitere Tätigkeit wird in Zukunft derart unter Preisdruck geraten, dass sie langfristig wegrationalisiert wird". "Wer etwas einfacher, souverän und leicht verständlich vermitteln kann, gewinnt".

Howard Rheingold, amerikanischer Journalist, gilt als einer der führenden Analytiker der Mediengesellschaft. Als Keynote-Speaker beschrieb er die "Smart Mobs" in ihren vielen Facetten. Bis hin zu Massendemonstrationen per SMS zeigte er auf, wie sich die Vernetzung der Menschen durch die aktuellen technischen Entwicklungen immer weiter beschleunigt: "Technologies of cooperation are embryonic today, and the emergence of democratic, convival, intelligent new social forms depends on how people appropriate, adopt, transform, and reshape the new media once they are out of the hands of engineers."

Der Gründer des Trendbüro und Professor für Kommunikationsdesign an der Universität Duisburg/Essen Prof. Peter Wippermann ist Spezialist für trendgestützte Markenführung. Er erläuterte die Regeln der aktuellen "Schwarm-Intelligenz": "1. Bewege dich in Richtung des Mittelpunkts derer, die du in deinem Umfeld siehst. 2. Bewege dich weg, sobald dir jemand zu nahe kommt. 3. Bewege dich in etwa dieselbe Richtung wie deine Nachbarn". Als zentralen und oft bewiesenen Punkt sieht Wippermann: "Die Mehrheit ist immer schlauer als die Experten". Man fühlt sich ohne Kommunikation unerreichbar und verloren, ein Leben ohne Handy und Internet ist heute für einen großen Teil von uns nicht mehr denkbar. So entstehen immer mehr Communities, Foren und Blogs im Internet, die uns Individuen immer weiter zusammen wachsen lassen: Medienanbieter und Mediennutzer fusionieren. Zusätzlich steigt die Sehnsucht nach Naivität (Schnappi, Handy-Klingeltöne) und Aggressivität in Form einer Art Post-Mittelalter (Vampir-Filme, Kriegsspiele) gleichermaßen an. Das Schwarm-Verhalten bietet Sicherheit und Kraft im Kampf gegen die ehemaligen Eliten.

Prof. Dr. Norbert Bolz, Medienphilosoph und Stichwortgeber für das Management, lehrt am Institut für Sprache und Kommunikation der Technischen Universität Berlin. "Links sind wichtiger als Produkte. Qualität allein genügt nicht. Erfolg ist ein Netzwerkeffekt". Bolz zeigte die Entwicklung des Networking an Beispielen wie Ebay: "Ebay macht nur Geld durch Verlinkung, sie haben das Loch zwischen privaten Käufern und Verkäufern entdeckt und dieses gefülllt" oder auch Amazon mit seiner wirkungsvollen Idee des Präferenzmarketing in Form des Hinweises: "Käufer, die dieses Buch gekauft haben, haben auch diese Artikel gekauft". Weiterhin unterschied Bolz in seinen Ausführungen zwischen "Informationskaskaden", des einfachen Anschließens unsicherer Personen an die angeblich kompetente Meinung der anderen, und komplexer "Schwarm-Intelligenz", die sich durch intelligente Zusammenwirkung aller Gruppenmitglieder auszeichnet. Als Beispiele dienten hier die Quiz-Show "Wer wird Millionär" mit der "Zuschauerfrage" und das "Google Page-Rank"-System. Bolz sieht insbesondere im Internet einen Trend zur "Disintermediation": "Keine Mittelsmänner mehr, keine Kontrollen, keine Redaktionen, Objektivität und Fakten sind nicht mehr im Vordergrund, sondern subjektive Informationen sind interessant und authentisch".

In allen Beiträgen wurde deutlich: Schwärme bilden den Markt. Von "Schwarm-Intelligenz" kann man nur profitieren, wenn man Teil des Ganzen ist. Das Image von Marken wird zukünftig davon abhängen, wie ehrlich man gegenüber der Öffentlichkeit ist.

Eine ausführliche Zusammenfassung der Vorträge als PDF finden Sie hier zum Download.
© Slogans.de 05.06.2005 Alle Rechte vorbehalten

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