Simplexity - Der Trend zur intelligenten Vereinfachung

Zum 11. Mal lud das Hamburger Trendbüro am 11. Mai 2006 wieder hochkarätige Visionäre und Soziologen zum Deutschen Trendtag ins Hamburger Curio-Haus ein. Ausgewählte Beiträge gaben den Besuchern einen spannenden Einblick in die aktuellen gesellschaftlichen Trends.

Dr. James Canton, amerikanischer Visionär, Autor und Leiter des Institute for Global Futures in San Francisco, eröffntete den diesjährigen Trendtag mit einem überzeugenden Vortrag zur Entstehung von Trends und seinen Visionen der Zukunft. Canton sieht unsere Zukunft in der Parallelität verschiedenster komplexer Trends, die sich teilweise überlagern und gegenseitig beeinflussen.

"Trends don't occur in the middle, they occur on the edge of society" - Trends entstehen meist in "dunklen Bereichen" der Gesellschaft, die man zuerst gar nicht ernst nehmen möchte. Dann verbreiten sie sich wie ein Lauffeuer und können zum Mainstream werden. Als Beispiel führte er hier Japan an, das als Land aktuell große Summen in die Entwicklung spezieller Roboter für Senioren investiert. Canton sieht Innovation als den entscheidenden Faktor unserer Zukunft und als stärkste Waffe im Wettbewerb. So werden alle Produkte bald eine IP-Adresse besitzen und mit uns kommunizieren, in unsere Haut implantierte Chips werden unsere Gesundheit kontrollieren und uns rechtzeitig vor entstehenden Krankheiten warnen. Zusätzlich werden wir von unseren wichtigsten Organen Klone anfertigen lassen, um sie bei Bedarf austauschen zu können: "Technology is waking up - Innovate, adapt or die".

Prof. Dr. Norbert Bolz, Medienphilosoph und Stichwortgeber für das Management, lehrt am Institut für Sprache und Kommunikation der Technischen Universität Berlin: "Menschen reagieren auf Komplexität mit Angst oder Apathie - Industrie, Medien und Politik leben von dieser Angst der Menschen". Wir haben immer weniger Zeit, müssen eingeschränkt handeln und möglichst stets das beste Ergebnis erreichen. Hierzu empfiehlt Bolz Faustregeln als geeignete Helfer und vertritt die These "Gut genug ist besser als optimal". Quasi "aus dem Bauch" entscheiden wir so Dinge oft schneller als über den Kopf. Bolz sieht in Simplexity die Fähigkeit, die Gesamtkomplexität einer Sache maximal zu reduzieren, aber die nötige Tiefe aufrecht zu erhalten. Aus der immer steigenden Komplexität unseres Lebens entsteht der Wunsch nach neuer Sicherheit, nach kindlicher Geborgenheit.

Prof. Peter Wippermann, Gründer und Gesellschafter des Trendbüros, machte deutlich, dass Konsumenten sich auch in der Warenwelt immer häufiger Vereinfachung wünschen. Freunde helfen uns bei Entscheidungen hier oft mehr als die Produktinformationen eines Herstellers. "Durch zu viele informationen fühlen sich Konsumenten heute rational überfordert und emotional unterfordert". Google sei ein gutes Beispiel für Simplexity, da hier einfachste Benutzerführung mit komplexestem Inhalt kombiniert sind. Menschen sehnen sich insgesamt nach mehr Zeit, mehr Lebensqualität, um mehr Entscheidungen in kürzerer Zeit treffen zu können. Bestseller-Listen und Top 10 Listen sind daher aktuell sehr beliebt, sie helfen uns bei unseren Entscheidungen.

"Basic Instincts sind wieder gefragt". Dr. David Bosshart vom Züricher Gottlieb Duttweiler Institut ist der bedeutendste Schweizer Trend- und Handelsforscher. In seinem Vortrag erläuterte er die Entwicklung der Gesellschaft zur "Versportlichung" - es gibt nur noch Sieger oder Verlierer. Dies führe zu einer "Ich nehme so viel ich kann"-Mentalität, die bei Versagen zu immer größerer Entwurzelung, zum Verlust der Identität führt. Zur mentalalen Verarbeitung werde daher Religion wieder wichtig sowie Grundsatzfragen zu Familie, Sinn und Gesellschaft. So entwickelten wir uns zu Tieren zurück, zu "Manimals". Durch den durch steigende Informationsüberflutung nachweislich sinkenden IQ vieler Menschen ensteht immer größere Langeweile. Menschen werden unsensibler, ihr Wortschatz verkleinert sich. Soziale Innovationen hält Bosshart daher in Zukunft für entscheidend. "Wie können wir besser werden als die Natur?" - Wir streben danach, uns durch zunehmende Perfektionierung zum Supermenschen zu entwickeln.

Martin Lindstrom zeigte als international gefragter Branding-Experte eindrucksvoll, wie Marken sich auch in Zukunft unverwechselbar präsentieren können. "Smash your brand" - Welche Marken lassen sich auch unabhängig von ihrem Logo erkennen? An Beispielen wie der Form der Coca-Cola-Flasche oder des Marken-Ziffern-Systems der Marke Peugeot zeigte sich, dass hier nur einige Hersteller punkten können. Auch Duftmarketing hält Lindstrom für eine unterschätzte Strategie, das Markenimage unverwechselbar aufzuladen. Verbrauchertests zeigten hier den hohen Wiedererkennungswert gezielter Markendüfte, z.B. im Fall von Johnson & Johnson Babypuder durch Zugabe von Vanille-Aroma, die zu einer 30%-igen Umsatzsteigerung führte. Singapore Airlines ließ sich daher bereits in 1995 den Duft ihrer an Bord überreichten Handtücher unter dem Namen "Hot towel" schützen und Tupperware meldete das Geräusch des Öffnens ihrer Kunststoff-Schüsseln zum Patent an. Marken müssten neue Wege gehen und beim Konsumenten möglichst viele Sinne gleichzeitig ansprechen, um im Wettbewerb der Zukunft weiterhin bestehen zu können.

Der französische Star-Designer Ora Ito bewies mit seinen Entwürfen für Marken wie Prada oder Davidoff, wie sich komplexe Produkte sehr einfach gestalten lassen. Mit viel Intuition und Bauchgefühl verwirklicht er Designlösungen in einer Leichtförmigkeit, die anderen Produkten heute teilweise noch fehlt. Als "Enfant terrible" der Design-Szene machte er vor einigen Jahren Furore durch provokative Markenpiraterie im Rahmen eigener Fake-Produkte, die er im Internet veröffentlichte. Heute erhält Ora Ito reale Aufträge renommierter Markenhersteller: "The brand is a person who has a dream".

Markus Schaefer, Architekt und Mitbegründer des Architektur- und Design-Studios Hosoya Schaefer in Zürich, beschrieb in seinem Vortrag die Fortschreibung der Simplexity in Form der "Complicity". Spezialgebiet seines Unternehmens ist die Verknüpfung einfacher Systeme zu komplexen grafischen Maps. Dies zeigte er an Hand eigener Studien für die Städte und Länder der Welt, die immer häufiger durch die lokal ansässigen Marken geprägt würden.

Susanne Tide-Frater, Kreativdirektorin bei Harrods in London, sieht schließlich die Zukunft der Marken nicht in den Produkten selbst, sondern insbesondere in der Erlebnisqualität, die eine Marke mitverkauft. Die Geschichte hinter der Marke wird für den Konsumenten immer mehr zum Kaufkriterium. Exklusivität, begrenzte Verfügbarkeit und Customized Products sind für sie daher die Zukunft. Marken sollten "eine eigene Handschrift" haben und einfach ein gutes Gefühl erzeugen, beispielsweise durch auffällige Aktionen und Entertainment: "From product to experience".

In allen Beiträgen wurde deutlich, dass sich Einfachheit heute zu einem sehr gefragten aber auch komplexen Gut entwickelt hat. Weitere Informationen zum Trendtag und den Referenten erhalten Sie unter: www.trendtag.de


Aktuelle Bücher der Referenten:
Extreme neue Welt. Welche Toptrends unsere Zukunft prägen | von Dr. James Canton
Die Helden der Familie | von Norbert Bolz
Trend 2004. Arbeit - Freizeit - Eigenzeit | von Peter Wippermann
Billig. Wie die Lust am Discount Wirtschaft und Gesellschaft verändert | von David Bosshart
Brandsense | von Martin Lindstrom
© Slogans.de 19.05.2006 Alle Rechte vorbehalten

Weitere Artikel

26.08.2022

Neue Slogans 07/22: SodaStream, Nike, Alfa Romeo Tonale und mehr

SodaStream erhält den neuen Slogan "Push for better", bei Nike setzt man auf "Never settle, never done.", und Alfa Romeo Tonale wird ab sofort mit dem Slogan "Lebe unvorhersehbar" beworben. Diese und weitere aktuell neu eingeführte Slogans im Überblick.
15.07.2022

Neue Slogans 06/22: Ionity, Sat.1, Schleich und mehr

Ionity erhält den neuen Slogan "We are on it", bei Sat.1 setzt man auf "Es gibt noch viel zu sehen", und Schleich wird ab sofort mit dem Slogan "Where stories begin" beworben. Diese und weitere aktuell neu eingeführte Slogans im Überblick.
30.06.2022

Neue Slogans 05/22: Fritz Kola, Otto, Migros Bank und mehr

Fritz-Kola erhält den neuen Slogan "Das Gute schläft nie", bei Otto setzt man auf "Vielfalt für alle!", und Migros Bank wird in der Schweiz ab sofort mit dem Slogan "Menschlich seit immer" beworben. Diese und weitere aktuell neu eingeführte Slogans im Überblick.
Zur Übersicht