Trendfarbe Weiß: Die neue Einfachheit

Trendfarbe Weiß: Die neue Einfachheit
Vor zehn Jahren hätte gewiss noch niemand geglaubt, dass Weiß einmal unser Leben bestimmen könnte wie keine andere Farbe. Professionelle Computer von damals waren beige, hochwertige Automobile, Designer-Möbel und Hifi-Anlagen schwarz und Alltagsgegenstände waren farbenfroh. Heute dagegen scheint unsere Produktwelt in vielen Bereichen ihre Farbigkeit zu verlieren, um einer radikalen Helligkeit zu weichen. Die Lieblingsfarben von heute heißen Weiß und Silber.

Insbesondere bei Apple hatte man diesen Trend schon früh erkannt und inzwischen in nahezu sämtlichen Produktgruppen konsequent umgesetzt. Die kürzlich noch knallbunten Rechner für kreative Individualisten sind in ihrer neuesten Generation nun komplett weiß bzw. silber. So ist auch unser Stadtbild bereits geprägt von Teenagern mit schmückenden weißen Ohrhörern, mit denen sie sich als trendorientierte iPod-Besitzer outen. Weiß symbolisiert hier neue Klarheit, Reinheit, Einfachheit, Überlegenheit und Intelligenz.

Auch das Automobil als immer noch wichtigstes Statussymbol wurde international entfärbt. Vor gar nicht langer Zeit existierte noch folgender allgemein anerkannter Farbcode: Sportwagen waren rot, Familienautos blau, Business-Profis und Design-Puristen wählten Schwarz, und Silber galt als die Farbe der Senioren. Die letzte Automobilausstellung zeigte deutlich den aktuellen Wertewandel, indem nahezu jeder Hersteller seine Fahrzeuge in Silber präsentierte. Dies setzt sich in den Anzeigenmotiven der Hersteller fort: Ob BMW, Mercedes oder Opel, Kleinwagen, Kombi oder Limousine, die gezeigten Modelle sind silber und positionieren die Marken so als modern und trendkonform. Ein silbernes Fahrzeug wirkt für uns heute nicht mehr farblos und altmodisch, sondern im Gegenteil hochwertig, zeitlos modern und futuristisch.

Dieses auffällige Schwarmverhalten zur Vereinheitlichung und Reduktion der Farben hat auch unser Zuhause bereits erobert. Produkte der Unterhaltungselektronik, wie TV, DVD-Player oder Handys, sind heute fast ausschließlich in Silber erhältlich, schwarze Geräte stehen bis auf wenige Ausnahmen automatisch für veraltete Modelle. Nicht einmal vor streng zeitlosen Design-Klassikern macht dieser Trend Halt: Viele bewährte Produkte von z.B. Artemide sind heute nach Jahrzehnten des einheitlichen Schwarz auch in einer Weiß- oder Silber-Variante erhältlich. Die Modemarke Boss präsentiert in ihren aktuellen Kollektionen überwiegend weiße Modelle, die erfolgreichsten Websites wie Ebay, Google oder Spiegel Online arbeiten mit Weiß als Hintergrundfarbe. Und die Marke Lätta beweist uns, dass sogar ein einfaches Lebensmittel wie Margarine mit einem Packaging in Perlmutt-Silber "stylish" und progressiv erscheinen kann. Die Verbreitung des Trends vollzieht sich in allen Lebensbereichen.

Wo sind die Gründe für diesen auffälligen Wertewandel zu sehen? Als Erklärung der aktuellen Verschiebung unserer Farbvorlieben erscheint die akute unsichere Situation in unserer Gesellschaft plausibel. In einer Zeit, in der man als Bürger zunehmend auf sich selbst gestellt ist, in der das Vertrauen in Politik, Kirche, Arbeitgeber und auch in manche Marken sinkt, sehnt man sich nach einer neuen Basis. Waren die vergangenen Jahre geprägt von schnelllebigem Individualismus, dem Stolz, etwas Besonderes zu sein, suchen wir heute in Zeiten des Umbruchs und der Identitätskrise eher Zuflucht in der Masse, Sicherheit in der Konformität. Gemeinsamkeit schafft Zuversicht und neues Selbstvertrauen. Apple-Designer Jonathan Ive: "Einige Menschen lesen aus unseren weißen Produkten Zukunftsoptimismus. Ich finde, damit liegen sie nicht ganz falsch."

Das gemeinsame Bekennen zur "Unfarbigkeit", also zu den Farben Weiß und Silber, entspricht einem psychologischen Befreiungsakt, einer optischen Entrümpelung, einem Neuanfang. Alle vergangenen farbigen Skizzen und Fehlversuche unseres Lebens werden gelöscht, unser Lebensplan liegt vor uns als weiße Seite, die es neu zu beschreiben gilt.
Alexander Hahn
Alexander Hahn ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Slogans.de, Sprach- und Trendforscher sowie Inhaber von Satelliten Media Design in Hamburg.
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